Bruno Maderna: Das Gesamtwerk für Orchester Vol. 3

hr-Sinfonieorchester, Arturo Tamayo, Carole Sidney Louis, Thaddeus Watson, Michael Sieg

Label: NEOS

Erschienen: 2011

Katalog-Nummer: NEOS SACD 10935

USB-Stick
6CH

Kurzbeschreibung

Maderna, Freigeist unter den Protagonisten der Avantgarde, war zugleich Visionär und Praktiker und bezeichnete sein Œuvre unprätentiös als Kapellmeistermusik. Das Wahre daran ist, dass er als hochsensibler Dirigent mehr vom Orchester verstand als seine Kollegen.

Beschreibung

Bruno Maderna war die Verkörperung des Freigeists unter den Protagonisten der europäischen Nachkriegs-Avantgarde. Er war mehr als alle anderen zugleich Visionär und Praktiker und bezeichnete sein Œuvre mit unprätentiösem Understatement als »Kapellmeistermusik«. Das Wahre daran war, dass er als expressiver und hochsensibler Dirigent, der nichts von trockener Sachlichkeit hielt, mehr vom Orchester verstand und über einen umfassenderen musikgeschichtlichen Horizont verfügte als seine Kollegen.


Sein dirigentisches Repertoire, das die alte Musik ebenso umfasste wie die große Symphonik, liest sich wie ein Lexikon der avancierten Moderne. Vom rigorosen Radikalismus, wie ihn Boulez, Stockhausen oder Nono vertraten, hielt er nichts und verglich die festgefahrenen ideologischen Positionen mit dem Glaubenskrieg zwischen Reformation und Gegenreformation. In seiner Musik treten die Tradition und das Neue, Unbekannte stets in fruchtbare Wechselbeziehung, und die Idee stilistischer Hermetik erschien ihm als Irrweg, mit der menschlichen Natur nicht zu vereinen. Strukturelle Folgerichtigkeit und Improvisation bilden zumal in seinem Spätwerk die omnipräsenten Extrempositionen, aus denen sich jedes neue Werk speist.


Als er im Dezember 1972, im Jahr vor seinem frühen Tod, gefragt wurde, welche Komponisten er besonders liebe, nannte er zuerst Debussy, Strawinsky und Schönberg, um dann auf Gustav Mahler zu kommen: »… das ist jetzt sogar eine wichtigere Angelegenheit für mich als meine Bewunderung für Debussy und Schönberg, und ich könnte sie mit mir führen ›als ein Banner zur Erstürmung der Zügellosigkeiten‹«. Es war ihm ganz klar, dass nicht die Klänge die Musik sind, dass diese nur das physische Vehikel sind, und so trifft das Modewort der Progressiven von der ›Befreiung des Klangs‹ bei ihm tatsächlich zu.


Ausstrahlung (1971) für Frauenstimme, Flöte, Oboe, Orchester und Tonband ist eine Art Reise durch die literarische und geistige Geschichte Persiens. Zugrunde liegen alte Texte aus Persien und Indien, sowohl in der Originalsprache als auch in Übersetzung, Passagen aus der Bhagavad-gita, dem Rig-veda und Avesta, Dandins Kavyadarsa, von Rudaghi, Omar Khayyam, Nizami Aruzi und Abdallah Saadi. Die Texte werden teils live von der Stimme vorgetragen, teils auf Deutsch (gesprochen von Madernas Frau Christina) vom Tonband zugespielt.


Es handelt sich um Zeugnisse tiefer Spiritualität, die mosaikartig mit ekstatischem und kontemplativem Ausdruck an- und ineinandergefügt sind und damit Madernas Menschenbild der Unvollkommenheit und Komplexität des Lebens widerspiegeln. Die musikalische Struktur ist entsprechend differenziert, arbeitet mit permutativer Mobilität, Montage, Indetermination und Fragmentierung. Das Werk besteht als Gesamtform aus sieben ›Modulen‹ (oder ›Ausstrahlungen‹), die voneinander unabhängig und in der Reihenfolge austauschbar sind und sich bezüglich Länge, Klangcharakter, Notation und Form voneinander abheben.
Einige dieser ›Ausstrahlungen‹ sind determiniert und geschlossen bezüglich aller Parameter, andere überlassen die genaue Ausführung dem Willen der Musiker. Für die beteiligten Soloinstrumente – Flöte und Oboe, seine beiden Favoriten – involviert der Komponist Materialien aus vorhandenem Kontext (Solo von 1971) bzw. schafft Musik, die dann in ihr Eigenleben entlassen wird (Dialodia, 1971–72). Die Reihenfolge der sieben ›Ausstrahlungen‹ wird vom Dirigenten festgelegt, der die Aufgabe hat, die Form zu bestimmen. Ausstrahlung ist ein klingendes Kaleidoskop, ein ›konzertierender Baukasten‹, dessen Fundament die Ideen von Freiheit, Begrenzungen und immerzu neuem Erfinden bilden.


Madernas große Spätwerke sind nicht als geschlossene Formen konzipiert und nehmen bei jeder Aufführung eine andere Gestalt an. Insofern offerieren natürlich auch die vorliegenden Einspielungen nur eine von vielen Möglichkeiten. In den drei Teilen von Biogramma (1972) verwendet Maderna sehr unterschiedliche Kompositionsverfahren, die sich zwischen den Extremen maximaler Freiheit und maximaler Strenge bewegen. Gegenüber den vorangegangenen Orchesterwerken Aura und Quadrivium ist die musikalische Faktur nervöser und fragmentierter. Maderna macht viel Gebrauch von Pausen, die sowohl Stille einbringen als auch die innere Artikulation unterstreichen.


Die Orchestration zeigt ihn auf dem Gipfel seiner Meisterschaft mit präzise ausgehörtem, subtilst durchkalkuliertem Wechsel von Klangfarben und Tempi. Alles in Biogramma spricht von Gegensätzen und Rückbezügen. In den verschiedenen Abschnitten treten verschiedene Instrumentalgruppen hervor und schaffen kontrastierende Farbwelten. Darunter finden sich sehr lyrische Entwicklungen, in denen insbesondere dem Englischhorn eine Schlüsselfunktion zukommt. Horizontale Flächenbildungen wechseln mit vertikalen Blöcken ab. Momente großer klanglicher Verdichtung stehen solchen zerfasernder und diskontinuierlicher Zustände gegenüber.


Grande Aulodia für Flöte, Oboe und Orchester, eine von Madernas faszinierendsten Schöpfungen, ist 1970 für die Solisten Severino Gazzelloni und Lothar Faber entstanden. Auch hier ist der Gegensatz von durchstrukturierter Determination und aleatorisch-improvisatorischer Indetermination, den Maderna bis zu seinem letzten Werk, dem 3. Oboenkonzert von 1973, immer weitertrieb und der seine hauptsächliche zukunftsweisende Errungenschaft ist, Form bildend. Anders als später in Biogramma gehen die Großabschnitte pausenlos ineinander über.


Aulodia bezieht sich auf das archaische Aulos, eine Art Oboe mit ›flötennaherem‹ Klang, und die an alten Volksgesang gemahnende Melodik in ihrer elegischen Verspieltheit ist aus einem die Antike beschwörenden Geist geboren. Einzigartig ist die völlig unkonventionelle Orchesteraufstellung mit den Holzbläsern direkt vor dem Dirigenten, den beiden Solisten links an der Rampe, und den drei getrennten Streichergruppen, zwischen denen das Schlagzeug bzw. die Blechbläser angeordnet sind.


Diese Aufstellung unterstützt effektiv den Eindruck der Mobilität des Klanges im Raum. Der Grundduktus von Grande Aulodia ist der lyrischen Fließens von Episode zu Episode, jeweils verschiedenen Klangcharakters, wobei die Solisten und Orchestergruppen immerzu anders aufeinander reagieren. Maderna erreicht in diesem Werk eine Kontinuität der Dramaturgie, die angesichts der involvierten Stilmittel frappierend ist. Der weltverlorene Gesang der beiden Solisten eröffnet und beschließt das Werk (der Flötist spielt auch Alt- und Bassflöte, der Oboist zudem Englischhorn und Musette).


Die Form von Grande Aulodia ist dreiteilig. Im ersten Abschnitt des ersten Teils agieren die beiden Solisten wie zwei Erzähler, deren Geschichte von der Anfangs-Intonation des Oboen-A aus allmählich in Fluss kommt, kleine Zellen werden zu umfangreicheren Gestalten entwickelt. Im Mittelabschnitt schaffen die drei Streichergruppen eine deutlich kontrastierende, expressionistisch gefärbte Atmosphäre, der quasi unsichtbare Walzer-Charakter im Hintergrund erinnert von ferne an Mahler und Alban Berg.


Den dritten Abschnitt des ersten Teils leitet ein Zwiegespräch der Solisten ein, kommentiert von drei Celli, zu denen nach und nach weitere Streicher hinzutreten. Schlagzeug und Blechbläser unterbrechen die Idylle. Verlangsamend und leise wird der aleatorische Mittelteil des Werkes eingeführt, in welchem der Dirigent über Intensität, Dauern und Reihenfolge der Einsätze bestimmt. Ein belebendes Flötensolo leitet in den finalen Werkteil über, in welchem die beiden Solisten im unisono auftreten, die Verschmelzung erzeugt eine warme Klangfarbe, ein ›großes Aulos‹ ersteht. Die Streicher werden immer leiser, bilden die wunderbare Klangfolie, die als stimmungszeugender Hintergrund für den endlosen Gesang der Solisten fungiert.


Christoph Schlüren
(unter Verwendung des Einführungstextes von Angela Ida De Benedictis)

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Bruno Maderna: Das Gesamtwerk für Orchester Vol. 3
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1) Ausstrahlung (1971)
Komponist: Bruno Maderna (1920-1973)
Interpret(en): hr-Sinfonieorchester, Arturo Tamayo, Carole Sidney Louis, Thaddeus Watson, Michael Sieg
33:44
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2) Biogramma (1972)
Komponist: Bruno Maderna (1920-1973)
Interpret(en): hr-Sinfonieorchester, Arturo Tamayo
12:05
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3) Grande Aulodia (1970)
Komponist: Bruno Maderna (1920-1973)
Interpret(en): hr-Sinfonieorchester, Arturo Tamayo, Thaddeus Watson, Michael Sieg
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Gesamtspielzeit  72:28  
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