Mieczyslaw Weinberg: Requiem (Weinberg Edition Vol. 3)

Elena Kelessidi, Wiener Sängerknaben, Gerald Wirth, Prague Philharmonic Choir, Lukáš Vasilek, Wiener Symphoniker, Vladimir Fedoseyev

Label: NEOS

Erschienen: 2011

Katalog-Nummer: NEOS SACD 11127

Weinberg Edition Vol. 3) (USB-Stick)
6CH

Kurzbeschreibung

Das Requiem von 1967 kann in seiner tiefen Ergriffenheit und dem blanken Entsetzen über die Schrecken des Krieges als Antwort auf Benjamin Brittens „War Requiem“ gelten. Neben Texten von García Lorca lässt Weinberg in das Werk seine Kantate „Hiroshima“ einfließen.

Beschreibung

Epigraph
Noch warm sind die Gewehrläufe,
und der Sand hat das ganze Blut nicht aufgesogen,
doch Frieden trat ein. Holt Luft, Leute,
nachdem die Schwelle des Krieges überschritten ist…
(А. Twardowski)


1. Brot und Eisen (Dmitri Kedrin; 1907-1945)
Brot reift auf dem Erdboden, wo Sonne ist und Kühle,
wo laut der Regen rauscht und Vögel im Gebüsch zwitschern,
aber tief unter der Erde, näher dem Schoße der Hölle,
hat sich Eisen abgelagert in rostigen Schichten.
Segnen wir das Brot! Es ist unser Leben und unsere Speise,
doch müsste man nicht jenen Stahl verfluchen, der uns auf der Stelle
in unterirdische Wohnungen befördert?...
Den Weizen säte Gott. Das Eisen hat der Teufel geschmiedet.

(7. April 1942)


2. Und dann (Federico García Lorca; 1898-1936)
Die von der Zeit gegrabenen
Labyrinthe
sind verschwunden.
Wüste
ist geblieben.
Das ewig rauschende Herz –
Quell aller Wünsche
ist versiegt.
Wüste
ist geblieben.
Niedersinkender Dunst (des Sonnenuntergangs)
und Küsse
sind vergangen.
Wüste
ist geblieben.
Verstummt, verhallt,
Kalt geworden, versiegt,
verschwunden …
(Wüste
ist geblieben.)


3. Sanfter Regen wird kommen (Sara Teasdale; 1884-1933)
Sanfter Regen wird kommen und der Geruch von Erde,
das Zwitschern der flinken Schwalben die ganze Nacht hindurch.
Und die nächtlichen Koloraturen der Frösche in den Teichen,
und die Blüte der Pflaumenbäume in weißschaumigen Gärten;
Ein Feuerbrust-Puschel wird auf den Zaun herabfliegen,
und des Rotkehlchens Triller wird ein Klangmuster weben.
Und niemand, und niemand wird an den Krieg zurückdenken;
überstanden – vergessen, Vergangenes aufrühren muss man nicht.
Und kein Vogel und keine Weide werden eine Träne vergießen,
wenn das Menschengeschlecht von der Erde verschwindet.
Und der Frühling, und der Frühling begrüßt eine neue Morgenröte,
ohne zu bemerken, dass es uns schon nicht mehr gibt, nicht mehr gibt.
(3x Wdh.)


4. Hiroshima-Fünfzeiler (Munetoshi Fukagawa; 1921-2008)
Wie ein Blutstropfen
rinnt der Mond vom Firmament,
beleuchtend die finstere Erde
mit seinem flimmerndem Licht…
Es fällt die Asche des Todes, Todes, Todes –
Mein Schatten fiel von mir
auf den Schatten eines Menschen,
der verbrannt ist
im Feuerwirbelsturm…
in Schwaden steigt gelber Staub auf, Staub, Staub.
Kinder kamen herbei in Scharen,  
um kleine Fische zu angeln,
doch in der Flussmündung
wirbelten an diesem Tage
im Wasserstrudel Leichen, Leichen.
Frierende Spatzen,    
dicht zusammengedrängt,
zwitschern in der Dämmerung
auf dem abgebrannten Gerippe eines Hauses
unter eisigem Regen, Regen, unter dem Regen.
Auf dem Fluss, auf dem Fluss,
der dort vorüberfließt,
wo es im Herzen der Explosion
keine Überlebenden gab,
schwimmen still Kamillenblüten.
In diesem Stein   
verbirgt sich Zorn:
Wie tief eingeprägt hat sich
der Schatten des Menschen, der verbrannt ist,
lebendig verbrannt ist!
Das Gras vertrocknet,
aber die Farbe ist grasgrün,
die Mauer aber, die Mauer
ist von dem Atomblitz
so weiß geworden! A a a
Sogar, sogar ein einfaches   
Gespräch …. über Gras,     
das die Asche überdeckt hat,
treibt euch die Tränen in die Augen,
o, japanische Frauen!
Wenn über dem im Sonnenuntergang
flammenden Fluss
die Abendglocke läutet,
erinnere ich mich an die Inschrift:
«No more Hiroshima!»
Ich und du, ich und du,
Ich und du, wir schälen
die reife Birne,
in eine glückliche Nacht 
lässt der Himmel Tränen fallen, Tränen, …!
Zum Himmel ausgestreckte  
und weit ausgebreitete Hände, Hände,
mit dem Flehen um Erettung des Lebens …
stehst du vor der Statue                      
und bist unfähig wegzugehen, unfähig, …
«No more Hiroshima!» A a a


5. Menschen gingen spazieren (Federico García Lorca; 1898-1936)
Menschen gingen vorüber,
einen Herbstweg.
Menschen gingen hinaus
ins Grüne, ins Grüne.
Sie trugen Hähne,
Gitarren – zur Heiterkeit,
gingen durch ein Reich,   
wo Samen regierten.     
Der Fluss trug schnell das Lied davon,
ein Springbrunnen sang am Wegesrand.
(Ach), mein Herz,
zucke zusammen!
Menschen gingen hinaus
ins Grüne, ins Grüne.
Und hinter ihnen kam der Herbst
in gelben Sternen.
Mit traurigen Vögeln,
mit Wellenkreisen,
setzte sich auf die gestärkte Hemdbrust,
mit hängendem Kopf.
Mein Herz, mein Herz,
verstumme, beruhige dich!
Menschen gingen vorüber,
und hinter ihnen kam der Herbst.


6. Säe Korn (Michail Dudin; 1916-1993)
Ich mache das an der Erde
verübte Böse wieder gut,
indem ich mit Samen das Feld besäe.
(Rudyard Kipling)
Du, auf der Erde geboren, durch das Vermächtnis
deiner fernen Vorfahren ist dir beschieden, 
immer, im Winter wie im Sommer 
mit deiner Seele zu hören: Säe Korn!
Ich mache das an der Erde
verübte Böse wieder gut,
indem ich mit Samen die Felder besäe.
Du, auf der Erde geboren, ist dadurch nicht
deine Pflicht seit langem vorherbestimmt: …
ihre Wälder und Böden zu erhalten,
ihre Meere und Flüsse. Säe Korn!
Ich mache … wieder gut,…
Was macht es, dass die Welt zerspalten ist
von der Schwermut der Streitigkeiten, egal,
es vergehen Krieg, Pest und Hunger,
Liebe und Lied. Säe Korn!
Ich mache … wieder gut,…
Wenn auch das Herz in einem einzigen Augenblick
von letzter Leidenschaft verbrannt wird,…
und du wie ein Korn in die Tiefen
des Erdenschoßes eindringst. Säe Korn!
Die Erde ist dein! Sie hat die Spindel
deines Schicksals geschwungen.
(Du, auf der Erde geboren.)
Und es hat kein Ende und keinen Anfang,
das ewige Lied. Säe Korn! …
Ich mache … wieder gut,…
Säe Korn!



Bei der Weinberg-Retrospektive der Bregenzer Festspiele 2010 stand die szenische Uraufführung seiner Oper »Die Passagierin« im Mittelpunkt, doch die Aufführung von über zwanzig weiteren Werken schuf einen Einblick in den unglaublichen Reichtum des Œuvres dieses vergessenen Komponisten. Weinberg fühlte sich zum Komponieren gezwungen, um damit sein Überleben vom Holocaust, als Einziger seiner Familie, zu rechtfertigen. Die dadurch entstandenen großartigen symphonischen und kammermusikalischen Werke sind voller Melancholie und Trotz. Wir danken NEOS dafür, dass nun auch Andere an der Wiederentdeckung dieses inspirierten und wichtigen Komponisten teilhaben können.


David Pountney


Requiem für Sopran, Knabenchor, Chor und Orchester, Op. 96 (1965–1967)
Die Völker verbindende Botschaft seiner Sechsten Sinfonie findet sich auch in Weinbergs Requiem op. 96. Es entstand 1965–1967 und darf sicher auch als Antwort auf Benjamin Brittens berühmtes War Requiem von 1962 gelten, das ihm durch seinen Freund Schostakowitsch ans Herz gelegt wurde. Tiefe Ergriffenheit und das blanke Entsetzen über die Schrecken des Krieges finden sich in beiden Werken.


Solche Totenmessen hatten in der Sowjetunion natürlich keine liturgische Funktion, da der orthodoxe Glaube durch den Glauben an den Vater Staat ersetzt wurde. Vielmehr ehrten solche Klagegesänge soldatische Helden oder kommunistische Würdenträger. Dass aus der religiösen Andacht früherer Requien weltliche Musik wurde, hatte sich freilich bereits bei Berlioz und Verdi angebahnt. Insofern befindet sich Weinberg auch mit diesem Werk in guter romantischer Tradition.


Das Requiem ist groß dimensioniert und in den Vokalpartien sehr anspruchsvoll. Wie in der Sechsten Sinfonie wird ein Knabenchor eingebunden. Diesmal kommen jedoch noch ein gemischter Chor und ein Solo-Sopran hinzu. Neben Texten des Spaniers Federico García Lorca (1898–1936) sowie des Russen Dmitri Kedrin (1907–1945) und der Amerikanerin Sara Teasdale (1884–1933) lässt Weinberg in das Werk seine 1966 verfasste Kantate Hiroshima op. 92 einfließen nach Texten des Japaners Munetoshi Fukagawa (1921–2008). Die amerikanischen Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 hatten den Menschen eine neue Zerstörungskraft des Krieges vor Augen geführt.


Auch hier schafft es Weinberg, eine allgemeine Kritik am Krieg über jeden nationalen Standpunkt von Siegern und Besiegten zu stellen. Dennoch überschreibt er auch dieses Werk mit einem Friedensgedicht des sozialistischen Dichters Aleksander Twardowski (1910–1971) und beendet es mit einem Text des konformen sowjetischen Dichters Mikhail Dudin (1916–1994). Dessen Gedicht schildert vor dem Hintergrund aller kriegerischen Auseinandersetzung das Aufblühen eines kommunistischen Bilderbuchstaates.


Es ist stark anzunehmen, dass solche politischen Passagen dem Komponisten vom Regime auferlegt wurden. Weinberg selbst spürte ja immer wieder die Macht des Staates. Für heutige Ohren klingen solche Verse wie blanker Hohn, da wir den Zusammenbruch der alten Sowjetunion miterlebten.


Weinbergs Orchesterbehandlung ist äußerst diffizil, sogar Cembalo, Celesta, Mandoline und Klavier werden einbezogen. Einigen Stellen gibt er eine an Strawinsky gemahnende Schärfe. Auch das Schweben zwischen atonalen (Akkord-Cluster im dritten Satz) und tonalen Partien wird von ihm gekonnt gehandhabt. Zudem hält er die langen meditativen und voranstürmenden Abschnitte in kluger Balance. Lyrische Zentren sind die von der Sopranistin vorgetragenen Lorca-Gedichte, die den theatralischen Höhepunkt im Hiroshima-Abschnitt umrahmen.


Doch weder die packende Musik noch die politische Schlussbotschaft schürten damals das Interesse an Weinbergs opulentem Requiem. Es verschwand in der Schublade seines Komponierzimmers. Ausgegraben wurde es erst bei der späten Uraufführung unter Thomas Sanderling in der Philharmonic Hall Liverpool am 21. November 2009 – 13 Jahre nach Weinbergs Tod.


Der Kritiker Joe Riley schrieb damals im Liverpool Echo, dieses Requiem sei »weniger eine Beschwörung des Jüngsten Gerichts wie in Verdis bombastischem Gegenstück oder Mozarts dunklem Schwanen-gesang, sondern vielmehr eine Elegie auf den an der Natur vollbrachten Schaden«.


Matthias Corvin

Auszeichnungen

FLAC 16bit 44.1kHz Stereo
FLAC 24bit 44.1kHz Stereo
Mieczyslaw Weinberg: Requiem (Weinberg Edition Vol. 3)
FLAC 24bit 44.1kHz 5.1 Surround

Datenträger (CD, SACD, USB-Stick oder DVD) - zzgl. Versandkosten

Medium Information Preis
USB-STICK Mieczyslaw Weinberg: Requiem (Weinberg Edition Vol. 3) (USB-Stick)
18,90 €
Inkl. ges. MWSt.

  • Hörproben und Track-Downloads

    • Wenn Sie unsere Demo-Dateien anhören möchten, müssen Sie aus Sicherheitsgründen vorher das reCAPTCHA ("Ich bin kein Roboter") bestätigen.
      Wenn Sie diese Vorkehrung umgehen möchten, loggen Sie sich bitte vor dem Anhören in Ihr Kundenkonto ein.

Hörproben und Track-Downloads versandkostenfrei

FLAC 16bit 44.1kHz Stereo
FLAC 16bit 44.1kHz Stereo
FLAC 16bit 44.1kHz Stereo
FLAC 16bit 44.1kHz Stereo
FLAC 16bit 44.1kHz Stereo
FLAC 16bit 44.1kHz Stereo
MP3 & FLAC Tracktitel Spielzeit Preis
Play FLAC
1) Requiem op. 96 - Bread and Iron (Dmitri Kedrin) (1965-1967)
Komponist: Mieczyslaw Weinberg (1919-1996)
Interpret(en): Elena Kelessidi, Wiener Sängerknaben, Gerald Wirth, Prague Philharmonic Choir, Lukás Vasilek, Wiener Symphoniker, Vladimir Fedoseyev
2:58
0,99 €
Inkl. ges. MWSt.
Play FLAC
2) Requiem op. 96 - And Then ... (Federico García Lorca) (1965-1967)
Komponist: Mieczyslaw Weinberg (1919-1996)
Interpret(en): Elena Kelessidi, Wiener Sängerknaben, Gerald Wirth, Prague Philharmonic Choir, Lukás Vasilek, Wiener Symphoniker, Vladimir Fedoseyev
5:00
1,99 €
Inkl. ges. MWSt.
Play FLAC
3) Requiem op. 96 - There will Come Soft Rains (Sara Teasdale) (1965-1967)
Komponist: Mieczyslaw Weinberg (1919-1996)
Interpret(en): Elena Kelessidi, Wiener Sängerknaben, Gerald Wirth, Prague Philharmonic Choir, Lukás Vasilek, Wiener Symphoniker, Vladimir Fedoseyev
15:14
5,99 €
Inkl. ges. MWSt.
Play FLAC
4) Requiem op. 96 - Hiroshima Five-Line Stanzas (Munetoshi Fukagawa) (1965-1967)
Komponist: Mieczyslaw Weinberg (1919-1996)
Interpret(en): Elena Kelessidi, Wiener Sängerknaben, Gerald Wirth, Prague Philharmonic Choir, Lukás Vasilek, Wiener Symphoniker, Vladimir Fedoseyev
21:47
7,99 €
Inkl. ges. MWSt.
Play FLAC
5) Requiem op. 96 - People Walked ? (Federico García Lorca) (1965-1967)
Komponist: Mieczyslaw Weinberg (1919-1996)
Interpret(en): Elena Kelessidi, Wiener Sängerknaben, Gerald Wirth, Prague Philharmonic Choir, Lukás Vasilek, Wiener Symphoniker, Vladimir Fedoseyev
5:13
1,99 €
Inkl. ges. MWSt.
Play FLAC
6) Requiem op. 96 - Sow the Seed (Mikhail Dudin) (1965-1967)
Komponist: Mieczyslaw Weinberg (1919-1996)
Interpret(en): Elena Kelessidi, Wiener Sängerknaben, Gerald Wirth, Prague Philharmonic Choir, Lukás Vasilek, Wiener Symphoniker, Vladimir Fedoseyev
10:28
3,99 €
Inkl. ges. MWSt.
Gesamtspielzeit  60:40  
Mieczyslaw Weinberg: Requiem (Weinberg Edition Vol. 3) [NEOS SACD 11127 - Komplettes Album, FLAC 16bit 44.1kHz Stereo] (221.30MB)
15,90 €
Inkl. ges. MWSt.

Komplettes Album herunterladen (Download) - mit PDF-Booklet (32 Seiten)

FLAC 16bit 44.1kHz Stereo (221.30MB)
15,90 €
Inkl. ges. MWSt.

FLAC 24bit 44.1kHz Stereo (509.45MB)
17,90 €
Inkl. ges. MWSt.

FLAC 24bit 44.1kHz 5.1 Surround (1,298.82MB)
20,90 €
Inkl. ges. MWSt.

Inkl. ges. MWSt.