Mieczyslaw Weinberg: Symphony No. 6, Sinfonietta No. 1 (Weinberg Edition Vol. 1)

Wiener Sängerknaben, Gerald Wirth, Wiener Symphoniker, Vladimir Fedoseyev, Symphonieorchester Vorarlberg, Gérard Korsten

Label: NEOS

Erschienen: 2011

Katalog-Nummer: NEOS SACD 11125

Weinberg Edition Vol. 1) (USB-Stick)
6CH

Kurzbeschreibung

Mitschnitte von der Weinberg-Retrospektive der Bregenzer Festspiele: Die sechste Sinfonie von 1963 für Knabenchor und Orchester verarbeitet Krieg, Judenverfolgung und Verhaftung im Stalin-Regime. Die Sinfonietta von 1948 ist dagegen positiv gestimmt und verständlich.

Beschreibung

Das Geiglein
Lev Kvitko


Ein Kästchen habe ich zerbrochen,
Eine kleine Truhe aus Sperrholz:
Von der Seite sieht das Kästchen
Ganz wie ein Geiglein aus.
An einem Zweiglein habe ich
Vier Härchen angebracht,
Noch niemand hat je
So einen Bogen gesehen.
Ich klebte und ich stimmte,
Arbeitete Tag und Nacht,
Herausgekommen ist ein Geiglein
Wie es kein zweites gibt!
In meinen Händen spielt
Und singt es ganz gehorsam…
Sogar das Hühnchen ist nachdenklich geworden
Und pickt keine Körner mehr.
Und die Spatzen zwitschern,
Schreien durcheinander:
„Welch einen Genuss
Bedeutet doch diese Musik!“
So spiel doch, spiel, mein Geiglein!
Tra-la, tra-la, tra-li!
Musik tönt durch den Garten
Und verliert sich in der Ferne.
Das Katerchen hat den Kopf zurückgeworfen,
Das Pferdchen galoppiert.
Woher kommt er? Woher kommt
Dieser noch nie gesehene Geiger?
Tra-la! Das Geiglein ist verstummt…
Vierzehn Kücken,
Pferdchen und Spatzen
Danken mir.
Ich habe das kleine Geiglein
Nicht zerbrochen und nicht beschmutzt,
Ich trage es sorgsam
Und werde es im Wald verstecken.
Auf einem hohen Baum,
Mitten in den Zweigen
Schlummert leise die Musik
In meinem Geiglein.
 
[04]In rotem Lehm ist ein Graben ausgehoben
Samuil Galkin
***
In rotem Lehm ist ein Graben ausgehoben,
Ich hatte einst einen Herd und ein Obdach…
Hier rauschten im Frühling die Gärten
Und im Winter wehten Schneestürme,
Der saubere Schnee glitzerte wie Salz:
Nun gibt es hier nur Blut und Schmerz.
Wie von einem Donnerschlag
Erbebte das Dach des Hauses.
Die Tür in meinem Haus stand sperrangelweit offen.
Wehe meinem Haus!
Es ist nun der Gewalt geöffnet.
Sie haben mein Blut mit Staub vermengt.
Kinderweinen in nächtlicher Finsternis
ist der faschistischen Henker Fest!
In rotem Lehm ist ein Graben ausgehoben
und bis an die Ränder gefüllt.
Unzählig sind die getöteten Kinder.
Ihr Tod war schwer.
Nicht vom Lehm ist der Graben rot.
Dieser Graben ist ihr Haus und Obdach.
Dort liegen sie bis heute
in der dunklen Grube, im roten Lehm.
Jahr um Jahr vergeht.
Baumäste werden hier ein Dach formen.
Der Schmerz wird nachlassen, die Klage verstummen,
Freude wird wie ein Regenbogen erstrahlen.
Wieder werden Kinder wachsen.
Sollen sie hier herumtoben,
Damit die Lebenden die im heiligen Grab
Schlummernden nicht vergessen.
In rotem Lehm ist ein Graben ausgehoben.
Ich hatte einst einen Herd und ein Obdach…
 
[05] Schlaft, Menschen
Michail Lukonin
Schlaft, Menschen,
ruht euch aus.
Ihr seid müde.
Erholt euch von der Liebe und der Plackerei.
Die Milchstraße ist voll von Sternenschwärmen.
Eure Fenster
verblühen wie Blumen.
Eure Hände haben genug gearbeitet und sind müde,
die Augen haben genug geschaut
und Funken versprüht,
und die Herzen, müde vor Freude und Qual,
zittern leise,
auf die Bremse tretend.
Schlaft, Menschen,
solange die Nacht da ist.
Habt keine Angst, –
der Tag wird erwachen und erneut leben.
Schlaft, Menschen.
Die Nacht ist so wundervoll.
Ruht euch aus,
legt eure Fersen, die wie Äpfel aussehen, ab.
Alle Felder bei Moskau schlafen bereits.
Die Hauptstadt schläft,
sie schläft, die Wange auf die Hand gelegt.
Sie regt auf
durch die Schönheit
und Güte
unseres Lebens und bewahrt seinen Frieden.
Erneut haben die Sterne die Wolga mit Licht überflutet,
es wird Zeit, dass der Mississippi und der Mekong einschlafen.
Die Kinder im sich ausruhenden Russland schlafen.
Stille, stille –
weckt sie nicht bis zum Morgen.
Schlaft, Menschen, eingehüllt in frühmorgendlichen Schlaf,
ruht euch aus
für die Arbeit
und das Spiel,
bindet die Weitstreckenraketen an einen Faden,
so als wären sie grüne Luftballons.
Damit Kinder und Ähren wachsen,
damit ihr
im Tageslicht
und nicht in der Finsternis aufwacht, –
schlaft, Menschen,
ruht euch aus.
Die Sonne wird aufgehen
und Geigen werden vom Frieden auf der Erde singen.



Bei der Weinberg-Retrospektive der Bregenzer Festspiele 2010 stand die szenische Uraufführung seiner Oper »Die Passagierin« im Mittelpunkt, doch die Aufführung von über zwanzig weiteren Werken schuf einen Einblick in den unglaublichen Reichtum des Œuvres dieses vergessenen Komponisten. Weinberg fühlte sich zum Komponieren gezwungen, um damit sein Überleben vom Holocaust, als Einziger seiner Familie, zu rechtfertigen. Die dadurch entstandenen großartigen symphonischen und kammermusikalischen Werke sind voller Melancholie und Trotz. Wir danken NEOS dafür, dass nun auch Andere an der Wiederentdeckung dieses inspirierten und wichtigen Komponisten teilhaben können.


David Pountney


Symphonie Nr. 6 in d-Moll für Knabenchor und Orchester op. 79 (1962-1963)
Als nach Stalins Tod 1953 in der Sowjetunion eine »Tauwetterperiode« anbrach, konnten sich die Künstler etwas freier entfalten. Auch für den beim deutschen Angriff auf Polen in die Sowjetunion geflüchteten polnisch-jüdischen Komponisten Mieczysław Weinberg begann eine fruchtbare Zeit, die ihren Höhepunkt in den 1960er Jahren fand. Damals entstanden die Symphonien Nr. 6, 8 und 9. Sie verarbeiten den zurückliegenden Krieg in großformatigen symphonischen Werken mit Chor. Beethovens Idee, Orchester und Chor zu einer gewaltigen »Weltsymphonie« zu bündeln, hatte Gustav Mahler um 1900 fortgeführt.


Ihm folgt Weinberg, wenn er in seiner 6. Symphonie von 1962/63 vokale mit instrumentalen Sätzen vereint. Die riesige Besetzung umfasst etwa sechs Hörner und viel Schlagwerk. Weinberg, dessen Eltern und Schwester im Warschauer Ghetto starben, schrieb einmal: »Viele meiner Werke haben einen Bezug zum Thema Krieg. Dass es so ist, beruht jedoch nicht auf einer freien Entscheidung, die ich getroffen hätte. Die Befassung mit dem Thema Krieg ist mir vielmehr von meinem Schicksal und vom tragischen Schicksal meiner Familie auferlegt worden. Ich betrachte es als meine moralische Pflicht, über den Krieg und über die schrecklichen Dinge zu schreiben, die den Menschen in unserem Jahrhundert widerfahren sind«.


Doch nicht nur der Zweite Weltkrieg, auch Judenverfolgungen und die eigene Verhaftung im Stalin-Regime mögen die ernste Musiksprache beeinflusst haben. Am 12. November 1963 wurde das Werk in Moskau mit den Moskauer Philharmonikern und dem Knabenchor der Moskauer Chorschule unter Kyrill Kondraschin uraufgeführt.


Bereits die meditative Einleitung der 6. Symphonie kündet von einschneidenden Erlebnissen, ausdrucksvoll stellt das Horn ein Lamento-Thema vor.
Bezeichnend ist auch die Auswahl der drei Texte: Dem zweiten Satz ist ein Gedicht von Lew Kwitko (1890–1952) unterlegt, der jüdische Autor wurde 1952 vom russischen Geheimdienst innerhalb der Stalinistischen »Säuberungswellen« erschossen. Auch der vierte Satz basiert auf einem Gedicht des lange inhaftierten Schmuel Halkin (1897–1960). Nur das Finale verwendet einen regimetreuen Text des Volksschriftstellers Michail Lukonin (*1918). Das mittlere Gedicht erzählt ergreifend vom Nazi-Massaker an Juden 1941 bei Kiew – das auch Schostakowitsch in seiner zeitgleich entstandenen Babi-Jar-Symphonie zum Thema machte. Mit düsteren Worten erinnert Halkin an die »Schreie der Kinder in der Nacht«.


Die Besetzung der Symphonie mit einem Knabenchor gibt dieser Stelle ihre eindringliche Wirkung, doch auch die Dynamik macht diesen Teil spannungsvoll. Das herausfordernd wilde Scherzo verbindet die Bruckner-Mahler-Tradition mit Schostakowitschs sarkastischer Art. Bemerkenswert ist die polyphone Stimmführung, die Weinbergs Meisterschaft zeigt. Dass sich diese Symphonie zum Ende hin auflichtet, mag einer Anweisung des »Sozialistischen Realismus« verpflichtet sein.
Der Zuhörer durfte nicht allzu niedergeschlagen den Saal verlassen, der von den russischen Streitkräften erkämpfte Sieg und Friede sollte immer als Botschaft präsent bleiben. Weinberg verbindet den strahlenden und ruhigen A-Dur-Schluss zunächst mit einer Erinnerung an den tristen ersten Satz. Doch die Hoffnung auf ein friedliches Leben bricht sich bei Weinberg die Bahn hin zum Völker verbindenden Sonnenaufgang über der Wolga, dem Mississippi und dem Mekong. Schließlich singt eine einsame Violine »über den Frieden auf Erden«.


Ein wenig erinnert diese symbolische Verwendung der in der jüdischen Volksmusik so beliebten Geige auch an John Williams Soundtrack zu Steven Spielbergs Film Schindler’s Liste. Schostakowitsch war von Weinbergs 6. Symphonie übrigens tief beeindruckt und ließ sie in seinem Unterricht am Leningrader Konservatorium analysieren.


Sinfonietta Nr. 1 in d-Moll op. 41 (1948)
Es erscheint geradezu zynisch, dass Tichon Chrennikow vom sowjetischen Komponistenverband Mieczysław Weinbergs erste Sinfonietta als »helles optimistisches Werk […] des leuchtenden, freien Arbeitslebens des jüdischen Volkes im Lande des Sozialismus« bezeichnete.


Das 1948 komponierte Werk entstand immerhin vor dem Hintergrund einer neuen Judenfeindlichkeit und Komponisten-Maßregelung im Stalinismus. Doch der positive und verständliche Charakter der Sinfonietta war der Regierung in diesem Fall äußerst genehm. Darin fand sich auch keine »modernistische Musik«, für die Weinberg früher getadelt wurde. Dennoch komponierte er auch in diesem Werk fortschrittlich und auf der Höhe der Zeit. Durch den einnehmenden Geist der jüdischen Volksmusik lenkt er vom raffinierten »Formalismus« ab.


Oberflächlich betrachtet gibt sich die Sinfonietta Nr. 1 op. 41 als bravouröses Orchesterstück mit schmissigen Themen und wundervollen Kantilenen. Der Einbezug melodischer Besonderheiten wie übermäßiger Sekunden sorgen für den folkloristischen Einschlag. Instrumente wie Oboe, Violine und Horn werden solistisch hervorgehoben, so im langsamen Satz. Die Reprisen der beiden Ecksätze sind clever verkürzt und das Scherzo tendiert untypisch zu einem Variationensatz. Es mag Passagen geben, die an den befreundeten Dmitri Schostakowitsch erinnern.


Auch dieser schaffte in mehreren Werken einen Spagat zwischen unterhaltsamem Überbau und tiefsinnigem Unterbau. Weinberg selbst lehnte jedoch stilistische Parallelen zum »größten Komponisten des 20. Jahrhunderts« ab und verwies auf eine mehr innere Verwandtschaft: »Viele Leute glauben oder haben sogar geschrieben, ich sei Schüler Schostakowitschs gewesen, was nicht der Fall war. Allerdings war die Schostakowitsch-Schule für meine künstlerische Arbeit von grundlegender Bedeutung.«


Matthias Corvin

Auszeichnungen

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Mieczyslaw Weinberg: Symphony No. 6, Sinfonietta No. 1 (Weinberg Edition Vol. 1)
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MP3 & FLAC Tracktitel Spielzeit Preis
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1) Symphony No. 6 - Adagio sostenuto (1962-1963)
Komponist: Mieczyslaw Weinberg (1919-1996)
Interpret(en): Wiener Sängerknaben, Gerald Wirth, Wiener Symphoniker, Vladimir Fedoseyev
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2) Symphony No. 6 - Allegretto (1962-1963)
Komponist: Mieczyslaw Weinberg (1919-1996)
Interpret(en): Wiener Sängerknaben, Gerald Wirth, Wiener Symphoniker, Vladimir Fedoseyev
7:24
2,99 €
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3) Symphony No. 6 - Allegro Molto (1962-1963)
Komponist: Mieczyslaw Weinberg (1919-1996)
Interpret(en): Wiener Sängerknaben, Gerald Wirth, Wiener Symphoniker, Vladimir Fedoseyev
7:14
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4) Symphony No. 6 - Largo (1962-1963)
Komponist: Mieczyslaw Weinberg (1919-1996)
Interpret(en): Wiener Sängerknaben, Gerald Wirth, Wiener Symphoniker, Vladimir Fedoseyev
7:02
2,99 €
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5) Symphony No. 6 - Andantino (1962-1963)
Komponist: Mieczyslaw Weinberg (1919-1996)
Interpret(en): Wiener Sängerknaben, Gerald Wirth, Wiener Symphoniker, Vladimir Fedoseyev
10:09
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6) Sinfonietta No. 1 - Allegro risoluto (1948)
Komponist: Mieczyslaw Weinberg (1919-1996)
Interpret(en): Symphonieorchester Vorarlberg, Gérard Korsten
4:59
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7) Sinfonietta No. 1 - Lento (1948)
Komponist: Mieczyslaw Weinberg (1919-1996)
Interpret(en): Symphonieorchester Vorarlberg, Gérard Korsten
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8) Sinfonietta No. 1 - Allegretto (1948)
Komponist: Mieczyslaw Weinberg (1919-1996)
Interpret(en): Symphonieorchester Vorarlberg, Gérard Korsten
3:24
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9) Sinfonietta No. 1 - Vivace (1948)
Komponist: Mieczyslaw Weinberg (1919-1996)
Interpret(en): Symphonieorchester Vorarlberg, Gérard Korsten
6:14
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Gesamtspielzeit  66:54  
Mieczyslaw Weinberg: Symphony No. 6, Sinfonietta No. 1 (Weinberg Edition Vol. 1) [NEOS SACD 11125 - Komplettes Album, FLAC 16bit 44.1kHz Stereo] (271.30MB)
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